Deutschland gerät ins digitale Abseits. Eine Analyse der vorherrschenden “Cargo-Kultur”

Viele deutsche Unternehmen durchlaufen gerade intensiv ihre digitale Transformation. In Berlin und anderswo werden regelmäßig neue Startups gegründet. Bei alledem stehen die Startups und großen Techkonzerne aus dem Silicon Valley Pate. Doch anstatt die digitale Transformation mit aller Konsequenz umzusetzen, betreiben viele Unternehmen aber auch Startups lediglich einen digitalen “Cargo-Kult”.

“Cargo-Kult” - Wo ist eigentlich unser “Cargo”?

In den 1940er Jahren baute das amerikanische Militär eine Reihe von Stützpunkten in der Südsee auf, um gegen die Japaner in den Krieg zu ziehen. Dabei brachten die Amerikaner zahlreiche Güter (“Cargo”) auf die abgelegenen Inseln. Viele Inselbewohner erhielten einen Teil der plötzlichen Materialschwemme, wenn sie sich z.B. als ortskundige Führer anboten oder für andere Zwecke dem Militär dienlich waren.

Nach Ende des zweiten Weltkriegs die Inseln wieder verließen, hörte die Cargo-Schwemme schlagartig auf. Da die Inselbewohner sich an die Materialien gewöhnt hatten und sich das “Cargo” zurückwünschten, entstand der sogenannte “Cargo-Kult”. Die Inselbewohner glaubten daran, dass wenn sie das Militär nachahmten und ihre Gerätschaften nachbauten, dass dann das Cargo auch wieder kommen würde. Dafür bauten sie eigens aus Holz Flugzeuge, Waffen, Kopfhörer usw. Sie marschierten in selbstgenähten Uniformen wie Soldaten über die Inseln, lotsten imaginäre Flugzeuge auf die Landebahnen und saßen tagelang in ihren Wachposten. Teilweise gibt es diesen “Cargo-Kult” heute noch. Ob das Cargo durch den Kult auf die Inseln zurückkam ist allerdings sehr fraglich.

Cargo-Kult

Sind wir besser?

Etwas Ähnliches erleben wir heute in vielen deutschen Konzernen und Startups. Die amerikanische Startup-Kultur geprägt durch das Silicon Valley wird begeistert nachgeahmt:

  • Wir tragen auf einmal keinen Anzug mehr, stattdessen sind Turnschuhe und T-Shirt angesagt
  • Die Bärte sprießen bei den Männern, nicht nur im November, und werden immer länger
  • Wir führen Design Thinking Workshops mit bunten Post-its durch
  • Wir nutzen maximal viele Buzzwörter, mit Vorliebe aus der Software Entwicklung
  • Wir behaupten wir arbeiten agil aber in Wirklichkeit arbeiten wir genauso wie früher
  • usw.

Diese oberflächlichen Ansätze helfen natürlich nicht und wir wundern uns, dass der Ertrag ausbleibt. Noch haben wir, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur wenige “Digitalchampions” in Deutschland. Das zeigt sich auch darin, dass der gesamte Dax viel weniger wert ist als die 4 größten Techkonzerne.

Was müsste stattdessen passieren?

Wir sollten zunächst einmal nicht alles was uns selbsternannte “Digitalexperten” predigen für bare Münze nehmen. Es gibt am Ende kein digitales Allheilmittel. Stattdessen sollten wir unsere Unternehmen Stück für Stück anpassen.

Organisation

Die Umstellung der Organisation ist die Grundlage jeder ernstgemeinten Digitaltransformation:

  • Top-Down: Anfangen muss die Geschäftsführung, die ernsthaft bereit sein muss, die Kultur von oben vorzuleben und nicht nur Lippenbekenntnisse zu neuen Formen der Zusammenarbeit abzugeben
  • Werte: Aufbau eines Wertekodex und der die Beantwortung der Frage warum es das Unternehmen überhaupt gibt
  • Zusammenarbeitsmodell: Die Organisation der meisten Unternehmen müsste radikal umgestellt werden: weg von den Silos hin zu cross-funktionalen Produktorganisationen, die echte Ende-zu-Ende Verantwortung haben: d.h. der Produktmanager (oder Product Owner, wobei ich den Begriff nicht mag), hat am Ende die volle P&L des Produkts/Services zu verantworten. Im Gegenzug darf er recht autonom entscheiden

Produktentwicklung

Die Produktentwicklung sollte sich mit 3 grundsätzlichen Fragen beschäftigten. Auf Basis der definierten Werte und der Zielsetzung des Unternehmens sollten wir Folgendes beantworten können:

  • Warum? Welches Problem lösen wir überhaupt? Für wen lösen wir es? Lohnt es sich das Problem zu lösen?
  • Was? Wie könnte eine Lösung aussehen?
  • Wie? Wie bauen wir eine Lösung?

Die erste Frage wird meistens übersprungen, ist aber mit Abstand die Wichtigste.

Fazit

Wir sollten uns weniger auf Konferenzen tummeln und #digital und #agil twittern, sondern stattdessen uns intensiv damit beschäftigen die oben genannten Punkte umzusetzen. Die Punkte hören sich alles straight-forward an, nur machen es die meisten Unternehmen nicht, sondern “tun nur so” und fallen dadurch in die “Cargo-Kult” Falle.

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